Immunsystem 101 – oder – wie wehren wir uns gegen Corona

Eine Blogserie über den aktuellen wissenschaftlichen Stand zum Thema Coronavirus von Prof. Dr. med. emer. Hans Hoppeler.

Ohne ein minimales Verständnis unseres Immunsystems sollte niemand über Impfungen diskutieren – und schon gar nicht generell die Impfung in Frage stellen. Es sei daran erinnert, dass Impfungen zusammen mit der Asepsis und den Antibiotika immerhin zu den 3 wichtigsten Errungenschaften der (Schul-) Medizin gehören.

Durch eine Impfung versetzen wir unser «adaptives» Immunsystem in die Lage, eine virale Infektion sofort und erfolgreich zu bekämpfen. Was heisst hier adaptive (oder erworbene) Immunität und was gibt es sonst noch? Es gibt eine «angeborene» und eine «adaptive» Immunität. Die angeborene Immunität ist entwicklungsgeschichtlich älter und in allen Tieren vorhanden, die adaptive Immunität teilen wir uns mit allen anderen Wirbeltieren.

Angeborene Immunität und Corona

Die angeborene Immunität ist ein komplexes, genetisch fixiertes System, dass uns unmittelbar vor bakteriellen und viralen Angriffen schützt. Dieses System ist gegeben und kann durch Impfung nicht verändert werden. Es gehören dazu die physikalischen Barrieren wie Haut und Schleimhäute, aber auch Speichel und Magensaft, welche allesamt Eindringlinge stoppen können. Im Blut haben wir eine ganze Reihe von Abwehrzellen, Granulozyten, Makrophagen, natürliche Killerzellen und dendritische Zellen, welche alle in der Lage sind, sich unmittelbar mit bakteriellen und viralen Eindringlingen auseinanderzusetzen. Wir haben zusätzlich im Blut gelöst das Komplementsystem, eine Proteinkaskade, die den Granulozyten und Makrophagen hilft, Eindringlinge zu finden, zu erkennen und zu vernichten. Im Zusammenhang mit viralen Infektionen sind auch Interferone von Bedeutung. Sie werden in Erkennung von viralen Nukleinsäuren von verschiedenen Blut und Körperzellen gebildet und hemmen unter anderem die Synthese von Viren in infizierten Zellen. In Zusammenhang mit schweren Corona Verläufen wird angeborener oder erworbener Interferon-1 Mangel als wichtiger Faktor gehandelt. Vor allem bei älteren Männern finden sich solche Mangelzustände infolge von Antikörpern gegen Interferon (Mefre and Iwasaki, https://www.nature.com/articles/d41586-020-03070-1).

Adaptive Immunität und Impfung

Als adaptive Immunität wird die hochspezifische Antwort unseres Körpers auf ein individuelles Pathogen, zB. das SARS-CoV 2 Virus, bezeichnet. Vom Zeitpunkt der Infektion, bis zur vollen Ausbildung der Immunantwort dauert es 4 bis 7 Tage.

Es beginnt damit, dass Viren im Rahmen der oben beschriebenen angeborenen Immunität von Fresszellen aufgenommen und zerstört werden. Freiwerdende virale Proteine (Antigene) werden dann von dendritischen Zellen aufgenommen und den T-Helferzellen präsentiert. Diese aktivieren dann zwei Zelltypen, die B-Zellen und die zytotoxischen T-Killerzellen.

Die B-Zellen (auch Plasmazellen) produzieren im Blut lösliche hochspezifische Antikörper, welche sich an die Viren binden und diese so für die Fresszellen markieren. Dabei wird auch das Komplementsystem aktiviert (humorale Immunantwort).

Die zytotoxischen T-Killerzellen zerstören die mit Viren infizierten Körperzellen und stoppen somit die Produktion von Viren (zelluläre Immunantwort).

Nach überstandener Infektion bilden sich sowohl von den B-Zellen, wie auch von den zytotoxischen T-Zellen sogenannte B-Gedächtniszellen und T-Gedächtniszellen. Diese können über Jahre im Körper in Ruhe verharren. Bei einer erneuten Infektion mit dem gleichen Agens, zB. das SARS-CoV 2 Virus, kann über diese Gedächtniszellen das gesamte hochspezifische Abwehrprogramm der adaptiven Immunität sofort aktiviert werden, und die viel wirksamere spezifische Antwort des Körpers ist damit unmittelbar verfügbar.

Eine Impfung ist nichts anderes als eine Aktivierung des adaptiven Immunsystems mit unschädlich gemachten SARS-CoV 2 Viren respektive mit Proteinanteilen dieser Viren. Diese Proteine können auf verschiedene Weise in den Körper gebracht werden oder vom Körper selbst produziert werden (zB. bei einer RNA Impfung). Das Wesentliche an einer Impfung ist, dass auf unschädliche Art, der Körper zur Produktion von B-Gedächtniszellen und T-Gedächtniszellen gebracht wird. Der so geimpfte Körper ist damit in der Lage, wenn mit echten SARS-CoV 2 Viren konfrontiert, sofort und nicht erst 4-7 Tage später, die geballte Immunantwort einzusetzen. Damit kann verhindert werden, dass das Virus Zeit hat im Körper Fuss zu fassen und Schaden anzurichten.

Wenn die Chance eine Virusinfektion zu erleiden hoch ist, und wenn die möglichen Konsequenzen dieser Infektion häufig schwerwiegend sind, wie bei SARS-CoV 2, scheint mir eine Impfverweigerung nicht nachvollziehbar. De facto bevorzugt man damit das sichere hohe Risiko der SARS-CoV 2 Infektion gegenüber den überschau- und behandelbaren Einschränkungen durch die Impfung. Nach der Applikation von Millionen von Impfdosen sind keine nicht behandelbaren Nebenwirkungen bekannt und in der Schweiz wurde noch nie eine Impfung zugelassen, bei der nachgewiesene Spätfolgen auftraten. Ganz ausschliessen kann man diese allerdings nicht. Die Spätfolgen einer Infektion mit richtigen SARS-CoV 2 Viren sind dagegen mit Sicherheit nachgewiesen und dies in einem erschreckenden Umfang (Ayoubkhani et al., https://doi.org/10.1101/2021.01.15.21249885). “Long Covid” trifft nicht nur die Risikogruppen, sondern auch jüngere und gesunde Menschen. Die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen sind zur Zeit noch nicht abschätzbar, man muss aber damit rechnen, dass diese erheblich sein werden.